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Akanthamöben Keratitis - was nun?
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Sommersonnenwende

Sommersonnenwende

Während ich für dich den Nebel packe und ihn zerreiße, beschreiben deine Finger ein Lied, welches du nicht für mich anspielst sondern für eine längst vergangene Liebe. Und der Horizont dehnt sich an jenem Morgen in unendliche Weiten, um Unerreichbarkeit zu malen, wie dein Schatten auf dem Podest. Ein paar intensive Stunden gaukeln dem Narren vor, er könne den Leuten, die um ihn stehen und ihn betrachten, seine natürliche Schönheit zeigen, wobei er doch vergisst, dass er Schminke trägt, die ihn einzig witzig ausschauen lassen, egal wie traurig er wahrhaftig ist. Und er stolpert über einen Stein, sein Zeh schmerzt ziemlich, das Publikum lacht denn es denkt, dies gehöre zum Programm. Da bricht er in Tränen aus, und weiter lachen die Menschen um ihn herum, werfen ihm hie und da Geldstücke in den Hut, bis er die Flucht nach vorne ergreift. Ich picke ihn irgendwo, ein paar Straßenecken weiter, auf und nehme ihn mit nach Hause. Stumm teilen wir das Bett, das einzige jedoch was wir außerdem teilen, sind unsere Gedanken. Zusammen laufen wir dann am nächsten Morgen durch den angebrochenen Tag, allein auf den Straßen, denn alles schläft noch. Die Samen der Pusteblumen können wir heute nicht fliegen lassen, der Taub benetzt sie, sodass sie zu schwer sind und sich nicht lösen können. So laufen wir weiter durch das ungemähte Gras, hingerissen von der Schönheit der schwindenden Kälte, welche uns noch zärtlich den Nacken kitzelt. Also schweigen wir, und erst als wir einen toten Fuchs entdecken, der schon länger dort liegt, so dass er mittlerweile aussieht wie der Leichnam eines Löwen, beschließen wir, gemeinsam Gedichte zu reimen. Jeder spricht nur einen Vers, das abwechselnd. Nur verlassen uns die bedrückenden Gedanken nicht, so dass auch unsere Gedichte von der Last unserer Seelen sprechen, woraufhin wir bald aufgeben, da wir doch eigentlich genau wissen, wie glücklich wir sein müssten und uns unsere Traurigkeit zum Vorwurf machen. Einen Handstand habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht, ich bin einmal so bös gefallen, dass ich seit diesem Male solch Panik davor hatte, dass ich es gar nicht mehr versuchte. Dieser Sonntag jedoch verspricht mit seinen glitzernden Spinnennetzen und im Winde wehenden Grashalmen Besserung. Also üben wir stumm, der Narr hält mich, er hält mich fest, so dass ich nicht fallen kann. Also lasse ich mich fallen, begebe mich in seine Obhut, ohne Skepsis, ohne Angst, ohne groß nachzudenken, wie es sonst so meine Art ist. Jetzt sehe ich endlich wieder glücklich aus, auch wenn dies nur daran liegt, dass ich kopfüber stehe. Zudem beginnen meine Augen endlich wieder zu leuchten, das haben sie lange nicht mehr getan, denn dieses schwummrige Gefühl, das ich mit der Zeit bekomme, mag ich sehr. Manchmal esse ich sogar zwei Tage nichts, da es mich auch dann wieder überkommt. Denn den Handstand traue ich mich ja nicht. Ich bin süchtig danach. Nach diesem Gefühl. Ich bin ein Junkie, aber das nehme ich nicht ernst, denn solange mir so für kurze Zeit wohlig ist, kann das nur gut sein. Aber außerdem bin ich süchtig danach, andere Menschen glücklich zu sehen. Und ihnen zum Glück zu verhelfen. Egal welche Art des Glücks. Also stelle ich mein Begehren hinten an, stelle mich bekümmert wieder auf meine Füße, und sage dem Narren, auch er sollte einen Handstand machen, damit ich ihn lächeln sehe. Als wir später im nassen Gras liegen und die ersten Spaziergänger mit ihren Hunden unsere Ruhe stören, halte ich seine Hand, um sie küssen zu können. Auch nach Liebe bin ich süchtig, wobei ich mir verweigere, Menschen in mein Leben zu lassen, die ich wirklich lieben lernen könnte. Es gibt für mich zwei Arten der Liebe. Körperliche Liebe und die seelische. Natürlich kann man beide auch zusammen finden, nur nicht ich, ich habe nun einfach kein Glück. Am Ende bleibt mir nur die körperliche, und diese liebe ich so sehr, dass ich sogar einem Narren die Hand küsse. Mit einem Mal dann springt er auf, um einen Vogel zu fangen, seine zu großen Schuhe jedoch hindern ihn daran, schnell genug laufen zu können, also beginnt er einfach, sich im Kreise zu drehen. Ich springe auf und will es ihm gleichtun, doch entdecke ich weiter hinten eine Brücke, welche meiner vollen Aufmerksamkeit bedarf. Die Pfosten die sie tragen, sind schon gerostet, dennoch stehen sie sicher, stehen fest auf dem Boden. Da Brücken für einen Neuanfang stehen, für eine Verbindung zwischen verschiedenen Welten, muss ich zu ihr gelangen und laufe los, unterwegs sammle ich noch einen Ast ein, tausend Blätter und bastle mir so Flügel. Angekommen stelle ich fest: Hässlich schaut sie aus, man hat versucht sie durch Malereien zu verschönern, doch ist dieser Versuch gescheitert, da sich nun unvollendete Bilder aneinander reihen, deren Farben teils schon ausgeblichen sind. Ich unter der Brücke hindurch, frage mich, wie nach oben zu kommen sei. Keine Treppe, keine Stufen kann ich entdecken, es scheint, als würde sie aus dem Wald herauswachsen, über das ehemalige Flussbett, dass jetzt nur noch aus der Wiese besteht, welche wir diesen Morgen erkundeten und als würde die Brücke wieder in den Wald hineinwachsen, ein Stilbruch, etwas das da nicht hingehört, wie eine Fratze im Dickicht. Um die tausend Schritte laufe ich, hin und her, wieder zurück, im Zickzack, den Kopf immer leicht zur Seite geneigt, um meine Ratlosigkeit auszudrücken. Da momentan kein Wind, nicht mal eine Brise weht, bin ich mir sicher, dass auch meine Flügel mich nicht tragen werden, also suche ich weiter, mittlerweile vor Wut zitternd, da ich meinen Willen einfach nicht bekommen soll. Irgendwann dann krame ich doch meine Brille hervor, welche ich aus Eitelkeit nicht trage, setze sie auf und - entdecke rechts auf der hinteren Seite einen Pfad, der sich durch die Gebüsche nach oben schlägt. Wie ich dann oben von der Brücke blicke, dreht sich der Narr immer noch im Kreise, seine Augen glänzen, während er ein längst vergessenes Lied singt. Das Lied seiner Liebe über eine ehemalige Liebe.

Und ich springe.