Grün- blaue Streifen malt die Sonne, als sie durch die Scheiben bricht.
Du zückst schnell den Fotoapparat, postierst dich passend und erschaffst neue Werke, mit dir selbst als Inhalt.
Du bist der Inhalt, anders wäre es auch falsch denkst du dir und lädst das Bild schnell hoch, damit deine Freunde es bewundern können.
Der Moment der Sinnlichkeit und Schönheit bekommt viele „likes“, während dessen löschst du die missratenen Fotos von der Kamera.
Dieses Gebäude hier, dieses alte zerschlissene Gebäude, welches einmal sicher viel Leben enthielt, versprüht einen gewissen Charme – und du bist ganz allein hier drinnen.
Deine Freundin, die laut „cool“ gerufen hatte, als sie von deinem Ausflug hörte, wird demnächst hier eintrudeln, die Frage ist nur, wie schnell sie den versteckten Eingang durchs Gebüsch findet.
Auch sie bringt eine Kamera mit, das weißt du, eine weit aus bessere mit viel mehr Pixeln und so.
Deine Hand streift über den Tisch, der schon tausende Spuren zeigt, die auf seinen früheren Nutzen hinweisen.
Schon einmal warst du hier, genau einmal – mit ihm.
Die weiteren Besuche fand man dich nur zusammengehockt auf dem Berg Schutt, der sich hinter dem Gebäude befand.
Sie hatten schon lange mit den Bauarbeiten begonnen, wollten Loftwohnungen draus machen, und dies machte dich traurig.
Bis heute, heute spürt du etwas anderes, als du aus dem Fenster herab in den Innenhof blickst.
Eine innere Zufrieden- und Gelassenheit macht sich in dir breit und in diesem Moment hörst du hinter dir Schritte.
Du stellst die vor, wie du EURE Spinnereien wahr werden lassen würdest, die Hand um seinen Nacken legst und ihn anstiftest, all jene Gedanken dieses Abends wahrhaftig werden zu lassen.
Du drehst dich um und rufst: „Los geht’s, zück deine Kamera“ – und du lächelst.
Lächelst nicht etwa sie an, wie sie glaubt sondern belächelst dich selbst aufgrund dieser absurden Vorstellungen.
Du träumst immerzu, malst dir Dinge aus, die niemals geschehen würden, so real du sie auch in deinem Kopf ausmalst.
Sie schießt ein Foto nach dem anderen, während deine Hände alles berühren, was sie auch an jenem Abend berührt hatten.
Sie steht am Fenster und die Sonne malt grün- blaue Streifen, als sie durch die Scheiben bricht.
Du hörst einen Ruf: „Komm her, hier ist das Licht ganz fabelhaft!“ – und siehst einen Ausdruck auf ihrem Gesicht, der dich deutlich erkennen lässt, dass sie nicht dir zulächelt, sondern einem anderem, irgendwem, nur nicht dir.
Sie dreht sich um und blickt aus dem Fenster, während du dich ihr näherst. Stellst dich neben sie und blickst in ihr wunderschönes, zufrieden und gleichzeitig trauriges Gesicht.
Gerne würdest du fragen, was sie denkt, aber sie scheint so weit weg, dass du nur deine Ellenbogen auf den Fenstersims lehnst und es ihr gleichtust.
Nach einer Weile dreht sie sich langsam zu dir, küsst dich auf die Stirn und legt die Kamera vors Gesicht.
Es macht ganz leise zweimal klick, sie betrachtet die Werke, deren Inhalt du bist, und lächelt.
„Fabelhaft“ – befindet sie und lächelt an der Kamera vorbei, an dir vorbei und an der Welt vorbei.